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Welt am Sonntag

16.12.2007
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Welt am Sonntag (16.12.2007)

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Rückkehr der fleißigen Stricklieseln

Basteln, stricken, sticken, nähen galt lange als biederer Zeitvertreib. Inzwischen feiern Handarbeiten eine fröhliche Renaissance, denn immer mehr Menschen sehnen sich nach individuellen Produkten.

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Die neue Bastelgemeinde trifft sich im Internet, bei Stricktreffs und speziellen Partys.

Sie haben noch nicht alle Weihnachtsgeschenke? Glück gehabt! Sonst würde dieser Trend vollkommen an Ihnen vorbeigehen: Basteln ist das neue Yoga. Handarbeit die kommende Trendsportart. Statt also in den nächsten Tagen von Laden zu Laden zu hetzen, um zum Schluss doch wieder Krawatten und Socken zu verschenken, entspannen Sie sich doch einfach - zum Beispiel mit Buntpapier, Kleber und Schere. So wie immer mehr andere Menschen auch.

Dabei geht es nicht mehr nur um die schon länger vermeldete neue Liebe zum Stricken (besonders unter Hollywood-Stars: Ob Cameron Diaz und Julia Roberts eigentlich tatsächlich eine Masche aufnehmen können?), sondern um so ziemlich alles, was man mit seinen Händen herstellen kann: Aquarellierte Streichholzschachteln, Patchwork-Lampenschirme oder die nachgenähte und ausgestopfte Münchner Frauenkirche sind nur einige Beispiele privater Kreativität. Solche und ähnliche Dinge werden auf der deutschen Internetseite DaWanda.de zum Kauf angeboten. Das im Oktober letzten Jahres gegründete Forum hat mittlerweile 35 000 Mitglieder, die über 200 000 Produkte anbieten, und entwickelt sich besser als erwartet, so die Gründerin Claudia Helmig, die zusammen mit ihrem Partner Michael Pütz und sieben Angestellten gerade neue Räume bezogen hat.

Mit DaWanda hat Deutschland erreicht, was sich international schon länger formiert hat: eine neue Generation von Bastelwütigen. Deren Ikone ist nicht etwa die wohl bei Weitem am besten verdienende Hausfrau Amerikas, Martha Stewart, mit ihrem Idylle-Imperium aus Marmeladenglas-Etiketten, Körnerkissen oder Blumenarrangements, sondern die Londoner Stylistin Danielle Proud.

"Handarbeit ist nicht länger Zeitvertreib, sondern Ausdruck von Kreativität", sagt sie. "Oma würde vom Schaukelstuhl fallen, wenn sie sehen würde, wie wir die alten Techniken nutzen." Die gewagten Ideen, die Proud zuerst in einer Kolumne im "Guardian Weekend Magazine", dann in einem Buch und jetzt in einer Interior-Kollektion für die britische Bekleidungskette Topshop zeigte, sind die feministische Antwort auf das alte Hausfrauenideal -oder, wie sie selbst sagt: "Graffiti für Mädchen". Was sie damit genau meint, zeigte sie gerade in der Ausstellung "Wild Styles" in der Londoner Sesame Gallery. Dort versammelte sie verschiedene Bastel- und Handarbeitskünstler, etwa Kate Westerholt, die traditionell anmutende Stickbilder mit Texten versieht wie "Ich war jung und brauchte das Geld".

Westerholt arbeitet mit Kreuzstich und Co. ähnlich unbefangen wie der italienische Künstler Francesco Vezzoli, der gerade in der Münchner Pinakothek der Moderne seine (eigenhändig) gestickte Ahnengalerie der ehemaligen amerikanischen First Ladies präsentiert. Acht zeitgenössische Künstler, die ebenfalls mit Handarbeits- und Basteltechniken arbeiten, zeigt auch die Ausstellung "Out of the Ordinary: Spectacular Crafts" im Londoner Viktoria& Albert Museum (noch bis 17. Februar 2008). Ihre Stickereien, Web- oder Holzein-legearbeiten unterscheiden sich in der Qualität, nicht aber in der Herangehensweise von denen normaler Bastelfans, deren Ausstellungsfläche nicht das Museum, sondern das Internet ist.

Gerade junge Menschen gehen ohne Vorurteile mit dem Thema um. Dienten Handarbeiten ihren Großmüttern noch zur Herstellung von Dingen des täglichen Gebrauchs oder zumindest dem Einsticken der Initialen in die Aussteuer, ist es für die Enkel Punk. Das beweisen auch die Macher der amerikanischen Zeitschrift "Ready-made", die in Anlehnung an Duchamps Leitspruch "Alles kann Kunst sein" Drahtkleiderbügel zu Weinregalen biegen oder aus Telefonbüchern Tische bauen. Wer immer schon mal ein Maschinengewehr aus Papprollen basteln wollte, findet in dem Buch der Müll-Guerillas, "Ready made. How to make (almost) everything", die Anleitung.

Vielen Neo-Bastlern geht es in erster Linie darum, Spaß zu haben. Die "HungaMunga", eine Bastel-Party im Londoner "Bethnal Green Working Men's Club", oder die "Craft Night" im "Notting Hill Arts Club" sind regelmäßig ausverkauft. Fotos dieser Zusammenkünfte auf den entsprechenden Seiten auf MySpace erinnern an außer Kontrolle geratene Kindergeburtstage: ein buntes Durcheinander an Scheren, Stoffen oder Fimo-Masse auf den Tischen, dazwischen Bier und jede Menge angeheiterte Menschen, die nicht so aussehen, als könnten sie noch eine gerade Linie schneiden.

Gerade die Tatsache, dass Handarbeit lange so bieder und unsexy war, macht es plötzlich zum coolsten Hobby überhaupt. Strickzeug ist das perfekte Accessoire, mit dem man sich in diesem Winter in einem Café in Berlin-Mitte oder im Münchner Glockenbachviertel als trendsicherer Avantgardist positionieren kann. Entsprechenden Zulauf verzeichnen darum auch die überall in Deutschland entstehenden Stricktreffs und Bastelkurse, wie etwa das "Linkle Stitch 'n Bitch Café" in Berlin-Kreuzberg oder die Kurse der Event-Werkstatt "Selberschön" in München. Gleichzeitig besinnen sich viele deutsche Frauen- und Einrichtungszeitschriften auf eine ihrer alten, ureigensten Kompetenzen und drucken Anleitungen zum Selbermachen, die über jeden Verdacht der Hausmütterlichkeit erhaben sind. Das Magazin "Living at home" etwa reagiert auf die frisch entflammte Bastelliebe mit einem komplett neuen Heftteil: "So simple" bietet Monat für Monat neue Ideen, mit denen man sich einfach und günstig mehr Individualität in die eigenen vier Wände kleben, falten, nähen kann. Die "Brigitte" druckt regelmäßig Strecken, in denen man vom Stoffhasen bis zur Designerlampe alles zu Hause nachbasteln und bauen kann. Eine Antwort auf eine der großen Sehnsüchte unserer Gegenwart: mehr Individualität.

Angesichts gleichgeschalteter Lebenswelten und austauschbarer Fußgängerzonen gibt es wieder ein Bedürfnis nach Einzigartigkeit, ähnlich wie schon vor 100 Jahren in der angloamerikanischen Arts-and-Crafts-Bewegung, als die Menschen das erste Mal genug hatten von der Industrialisierung und das Handwerk auf romantische Weise idealisierten. Bezeichnenderweise hat gerade jetzt die 1861 von William Morris, dem Gründer der Arts-and-Crafts-Bewegung, gegründete Einrichtungsfirma Morris&Co alte Stoffe wiederaufgelegt und auch wieder bestickt.

Handwerk gilt als der neue Luxus. Und den bekommt man heute, indem man sehr viel Geld bezahlt, denn Handarbeit ist teuer - oder eben fast gar nichts. Auch noch ein Argument fürs Basteln: Es ist eine sehr preisgünstige Form der Entspannung. Forscher der amerikanischen Harvard Medical School fanden heraus: Stricken baut Stress ab und hilft gegen Bluthochdruck.

Neben der Kontemplation geht es der neuen Generation von Hobby-Kunsthandwerkern jedoch nicht zuletzt um ein weiteres, ureigenes menschliches Bedürfnis: dem nach Geselligkeit und Anerkennung. Befriedigt wird das am besten im Internet, auf Seiten wie Etsy, DaWanda, Crafter For Critters, Hokohoko oder Shana Logic. "Social Shopping" heißt diese neue Form des Einkaufens im Netz, bei dem es nicht mehr nur um den schnöden Warentausch geht, sondern um Kommunikation. Die privaten Hersteller stellen sich vor, laden Fotos von sich und ihren Kindern oder Haustieren hoch und schreiben sich häufig mit den Kunden, bevor die etwas kaufen. Wer also vor Weihnachten selbst nicht mehr zum Basteln kommt, findet dort sicher ein paar schöne Geschenke. Die kosten nicht viel, neben dem Kaufpreis eigentlich nur ein paar nette Worte. (Anne Petersen)



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