Mittwoch, 26.09.18
Suche im Shop:
  SUCHEN

Financial Times Deutschland

3.11.2007
Platzhalter
Platzhalter
Platzhalter
Platzhalter


Financial Times Deutschland (3.11.2007)

Platzhalter

Selten schön von Petra Engelke

Echte Hipster kaufen gern Einzelstücke - aparte Sachen, die es am besten nur in einem winzigen Kopenhagener Hinterhoflädchen gibt. Für solche Unikate muss jetzt keiner mehr aus dem Haus. Man bekommt sie im Internet.

Platzhalter

Es ist ein Albtraum: Auf der Party trägt eine andere die gleiche Handtasche spazieren! Wer solche Situationen verhindern will, hat im Prinzip nur zwei Möglichkeiten: Entweder nie wieder auf Partys gehen - oder sich streng disziplinieren beim Shoppen. Wer nämlich nur Einzelstücke aus obskuren Souterraingeschäften trägt, ist wirklich immer apart gekleidet - und obendrein befriedigt die Suche nach Unikaten den Entdeckerdrang.

Also stöbert man in Berlin oder Hamburg bei einer Armada von urbanen Prekariatskünstlern, die von Flohmarkt zu Flohmarkt tingelt oder im Miniladen verkauft, was in einer Hinterzimmerwerkstatt genäht, gesägt und gedruckt wird; im Hamburger Karoviertel hat sich gar eine Einkaufsmeile aus solchen Läden entwickelt.

Um solche Preziosen zu bekommen, muss man seit Neuestem nicht einmal mehr die eigene Wohnung verlassen: Online entstehen spezielle Marktplätze für Unikate und Handgemachtes, für Glitzerbroschen und Ledertaschen, Stofftiere und Metallvogelhäuschen bis zum Esstisch aus Edelholz. Websites wie Etsy, Dawanda, Crafters For Critters, Hokohoko und Shana Logic sind auf dem Sprung, eine Riesenauswahl an Geheimtipps zugänglich zu machen.

Social Shopping

Ganz überraschend kommt die Entwicklung nicht: Viele Blogger haben es bereits zum Volkssport erhoben, sich gegenseitig auf einzigartige Produkte aufmerksam zu machen. Shana Victor etwa steht auf Niedliches, und als ihr das Vorstellen per Weblog nicht mehr genügte, organisierte sie mit der Plattform Shana Logic Möglichkeiten, die Favoriten direkt vom Hersteller zu kaufen: Eine Botentasche mit schlafendem Kaninchen drauf zum Beispiel oder ein kreischrosa Armkettchen mit Cupcake-Anhängern von der Schmuckdesignerin Amy Secrest aus Arizona.

Die Programmierung einer Website, auf der Handarbeitsfreaks ihre Werke präsentieren - diese Aufgabe wiederum brachte drei Leute aus Brooklyn im Sommer 2005 auf die Idee, diesen Menschen mit dem Portal Etsy eine Alternative zu Ebay zu bieten. Ihre Plattform hat inzwischen etwa 360.000 Mitglieder aus 60 Ländern. Der Erfolg basiert auf dem guten Gefühl, sich beim Einkauf gegen Massenware und Großkonzerne entschieden zu haben, außerdem einen kreativen Menschen zu unterstützen - und sich mit einzigartigen Entdeckungen von anderen abzusetzen.

Jedes Mitglied bei Etsy kann ähnlich wie bei Amazon Toplisten anlegen, Produkte kommentieren oder sie - wie bei Ebay - beobachten. Doch Social Shopping bietet noch mehr: den direkten Kontakt. Hersteller erzählen ihren Kunden etwas über sich und die Idee hinter ihren Waren, sie vernetzen sich mit Gleichgesinnten und starten gemeinsame Projekte. "Die meisten unserer Verkäufer sind Selbstständige, Kleingewerbetreibende oder Semiprofessionelle, die mit Leidenschaft hinter ihren Produkten und ihrer Arbeit stehen", sagt Claudia Helming, die gemeinsam mit Michael Pütz Ende 2006 in Berlin das europäische Etsy-Pendant Dawanda gründete.

Dort finden sich über 130.000 Artikel, alles handgemachte Unikate oder kleine Stückzahlen aus Manufakturen; im Schnitt gibt es von einem Artikel nur vier Exemplare. Darunter auch Maßgefertigtes: Über individuelle Wünsche kann man verhandeln. So lässt sich ein Schlüsselband nicht nur in verschiedenen Farben und Materialien bestellen, sondern auch mit einem Spruch bestickt, den man sich selbst ausgedacht hat.

Auf Social-Shopping-Portalen tummeln sich bei Weitem nicht nur Amateure, die sonst höchstens auf dem Weihnachtsbasar Umsatz machen. Die Designerin Bettina Steffens etwa vertreibt Ledertaschen und -gürtel ihres Labels Thuskia über Dawanda. "Ich habe mir mit meiner Kollektion zum Ziel gesetzt, in faire Arbeitsbedingungen zu investieren und traditionelles Handwerk in Deutschland zu unterstützen. Dawanda ist für mich eine gute Testmöglichkeit, ob meine Sachen übers Netz überhaupt Anklang finden", sagt Steffens, die zusätzlich auch an den klassischen Einzelhandel verkauft.

Stöberflair eines gut gemachten Flohmarkts

Der Publikumserfolg der Social-Shopping-Plattformen bleibt nicht aus: Zunehmend bedienen sich dort auch Stylisten - und Lifestylemagazine werten ihre Modestrecken ebenfalls gern mit Einzelstücken auf. Natürlich könnten sie danach auch bei Ebay suchen. Doch entsprechende Suchbegriffe führen dort meist nur zu Massenware.

Websites wie Dawanda und Etsy hingegen präsentieren ausschließlich Artikel aus kleinen Produktionen; man erwirbt den Charme der Einzigartigkeit gleich mit. "Auf Dawanda wird im Vergleich zu anderen E-Commerce-Plattformen mehr gestöbert als nach einem konkreten Produkt gesucht. Man will sich inspirieren lassen", sagt Claudia Helming. Um den Entdeckerdrang auszuleben, funktioniert die Suche auf der Seite nicht nur nach Produktgruppen, sondern auch nach Farben. Social Shopping lebt eben vom Stöberflair eines gut gemachten Flohmarkts.

Auf den Besuch eines ebensolchen muss ja trotzdem keiner verzichten - bloß weil man seine Designerschätzchen jetzt vom Sofa aus bestellt.



Zur FTD.de (3.11.2007)



Platzhalter

zurückblättern
Platzhalter
weiterblättern




Platzhalter
Platzhalter